Der Dreiherrenstein

Gefundener und wieder untergegangener Zeuge
der Geschichte

Günter Schenk, Gillenfeld

Lenkt der Wanderer seinen Schritt vom Etzerather Bann vor dem Friedbüsch gegen Westen, lässt er noch einmal seinen Blick über die Weite der Hochebene schweifen, ehe der Wald ihn aufnimmt. Jäh bricht das gleißende Licht des Sommertages unter dem dichten Blätterdach des alten Buchenbestandes. Majestätisch breiten sich Ruhe und Frieden aus. Langsamer wird der Schritt, in dem Empfinden, in die dunklen Hallen eines gewaltigen Domes eingetreten zu sein. In diesem gedankenversunkenen, fast ehrfurchtsvollen Wandeln, öffnet nach ein paar hundert Metern der Dom ein Fenster. Eine Lichtung ist es, illuminiert durch der Sonne Glanz. Unweigerlich hält man inne, gefesselt von der Schönheit der Natur. In einen schmalen Taleinschnitt lässt der Wald das Sonnenlicht einfluten, welches eine saftige Wiese, durchsät mit bunten Blumen, hervorzaubert. Mehrere Rinnsale finden sich zu einem Bächlein, das murmelnd und springend den Weg zum nahen Sammetbach sucht. Das alles genießend, in sich aufsaugend, bemerkt man erst jetzt das Schild am Rande der Lichtung. »Dreiherrenstein« steht darauf zu lesen und seine Spitze weist zur Wiese hin. Und richtig – beim näheren Hinsehen leuchtet dort etwas aus dem hohen Gras. Ein kräftiger Basaltstein ist es, an dessen Rand man ebenfalls den Hinweis »Dreiherrenstein« angebracht hat.

Was hat das nun auf sich?

Vorstehende Beschreibung führt in das Jahr 1959 zurück. Der damalige Gillenfelder Schulleiter, Hauptlehrer Fritz Reiber, war, wie die Schulmeister früherer Zeit, um die Kultur seines Dienstortes bemüht. Dabei hatte es ihm besonders die Gillenfelder Geschichte angetan. Im Zuge seiner Studien und Recherchen stieß er mehrfach auf die Erwähnung des Dreiherrensteins. So verkündete ein Extrakt des Bezirks- und Gangbuches Gillenfelder Gerechtigkeit aus den Jahren 1524 und 1551 folgendes: »Aus der Tippelbach bis auf den Stein, steht in der Mitte, weißt dreier Herren Gerechtigkeit, Trier vom Hause Dhaun, Graf von Manderscheid und Gillenfelder Gerechtigkeit. Wenn die drei Herren einen Tisch stellen auf den Platz, mag jeglicher Herr auf seiner Herrlichkeit sitzen, ohngehindert des anderen.« Gleiches bestätigt das Manderscheider Weistum von 1616. Es heißt darinnen: »Die Tippelbach aus steht eine Mark, da können drei Herren miteinander essen und trinken, jeder auf seiner Hoheit.« Ein Zeugnis alter Einwohner zu Strohn vom 7. 10. 1723, also rund 100 Jahre später, reiht sich hier ein. Sie bezeugen an Eides statt:

»Sie hätten von ihren Vorfahren und alten Leuten sagen gehört, dass der große Stein in der Tippelbach in der großen Schlehenhecke, dreier Herren Hoheit und Gerechtigkeit, das kurtrierische Amt Daun, die Grafschaft Manderscheid und Gillenfeld abscheide und allzeit der Dreiherrenstein genannt worden sei und immer noch so genannt werde.« Während in den vorstehenden Weistümern und Zeugnissen für Strohn Kurtrier und dessen Amt zu Daun und für Wallscheid die Grafen von Manderscheid genannt werden, ist immer nur von Gillenfelder Gerechtigkeit die Rede. Nun ist es keineswegs so, dass Gillenfeld sich jener zeit frei von Herrschaft und Obrigkeit mit Zehnt- und Fronleistungen hätte schätzen dürfen. Gillenfeld war dem Florinstift zu Koblenz zu Lehen gegeben und hatte sogar durch Urkunde Kaiser Heinrichs II. im Jahre 1016 das Markt-, Münz- und Zollrecht erhalten. Weshalb nun als dritter Herr am Tische das Florinstift urkundlich nicht erwähnt ist, entzieht sich unserer Kenntnis. So weit, so gut. Mit der Tippelbach und der großen Schlehenhecke hatte Reiber nun Indizien auf den Dreiherrenstein – und den wollte er finden. Schüler der älteren Jahrgänge wurden zu Suchtrupps, rekrutiert und unterstützt durch freiwillige Helfer ging es der Schlehenheeke an den Kragen. Aber und aber mal wurde sie durchkämmt. Eine Tortur in dem dornigen Gestrüpp mit Schrammen und Blessuren. Doch der Erfolg blieb aus. Fast glaubte man schon nicht mehr an die Existenz des geschichtsträchtigen Steines und wollte das Unterfangen aufgeben, als Reiber einem Hinweis aus Strohn folgend – ein Teil der Hecke sei in früheren Jahren gerodet worden – auch das unterliegende Wiesengelände durchsuchte. Und siehe da, man wurde fündig. Groß war die Freude, den jahrhundertealten Markstein wiederentdeckt zu haben, die dann auch dazu führte, das Relikt entsprechend zu präsentieren und zu beschildern. Selbst wir Schüler, damals in den ersten Jahrgängen, mussten den geschichtsträchtigen Stoff über uns ergehen lassen und machten gar eine Wanderung zum Dreiherrenstein. Bis heute blieb mir in Erinnerung, wie ich damals als kleiner Bub, in der kindlichen Phantasie die »drei Herren« in der Wiese am Tippelbach gemeinsam zu Tische sah: In langen, wallenden Gewändern, ausstaffiert mit den Insignien der Macht, frönend des Essens und Trinkens, dabei bedacht, dass jeder auch ja auf seiner »Herrlichkeit« saß.

Doch wie schnell fliehen der Kindheit Träume. Führt mich heute, nach fast 40 Jahren, der Weg von der Etzerather Höhe zum Sammetbach, so nimmt mich der Friedbüsch an der gleichen Stelle auf. Aber der Dom ist nicht mehr so dunkel und ehrfurchtsvoll. Umwelteinflüsse haben die Wipfel seines Daches lichter werden lassen. Doch weiter, zum Dreiherrenstein:

Dort vorne, das einbrechende Licht muss die Stelle markieren. Alles ist anders! Wo ist die Wiese, der Tippelbach, die Hinweisschilder – wo der Dreiherrenstein?

Der gesamte Grund des anmutigen Tälchens ist mit einer Fichtenkultur zugepfercht. Ein Holzabfuhrweg in Autobahnbreite schneidet das Tal quer und verbirgt unter sich irgendwo den Tippelbach; – gar auch den Dreiherrenstein? Schlimme Befürchtungen kommen auf. Suchen in der Fichtenkultur! Wie war es früher? Suchen an der Wegeböschung! Da! Halb überdeckt ein Basaltstein. Er ist es!

Er ist also noch da, der »Dreiherrenstein«, nur im Bewusstsein der Menschen ist er wieder verlorengegangen.